Achtung, Weinmythen!

Die Weinproduktion und auch sein Genuss sind für viele eine Wissenschaft, doch wo es Wissen gibt, ist der Irrtum nicht weit – was hinter einigen der weitest verbreiteten Mythen steckt, klären wir in diesem Artikel. Nur zu, testen Sie Ihren inneren Connaisseur.

Weinmythos 1: Rote Trauben machen roten Wein, grüne Trauben Weißen.

Dass aus roten Trauben nur roter Wein hergestellt werden kann, liegt aufgrund der Traubenfarbe zwar nahe, allerdings ist es nicht der Saft der Trauben, der dem Wein seine rote Färbung verleiht, sondern die Traubenhaut, da diese den Großteil der Farbstoffe enthält. Der Saft der Trauben an sich ist hingegen farblos. Ob Wein aus roten Trauben nun rot oder weiß wird, hängt also davon ab, ob beziehungsweise wie lange die zerquetschten Trauben auf der Maische liegen, ergo, wie viel Zeit dem Farbstoff gegeben wird, um aus der Haut in den Traubensaft überzugehen. So gibt es auch Winzer, die Weißwein aus roten Trauben produzieren. In Frankreich spricht man hierbei von einem Blanc de Noirs.

Weinmythos 2: Roséwein wird aus weißem und rotem Wein gemischt

Zwar gibt es Verschnitte, die aus roten wie auch weißen Trauben produziert werden, allerdings spricht man hier trotz ähnlicher Farbe nicht von Roséwein, sondern von Rotlingen. Bei diesen Weinen werden die Trauben entweder gemeinsam gemaischt oder spätestens beim Keltern zusammengeführt. Richtiger Roséwein wird allerdings ausschließlich aus roten Trauben gewonnen. Anders als bei Rotwein, bei dem die Maischegärung bis zu 30 Tage dauern kann, liegen die Trauben bei der Roséweine-Herstellung gar nicht oder höchstens zwei Tage lang auf der Maische, bevor sie schließlich abgepresst werden. Dadurch haben die Farbstoffe weniger Zeit, um von der Traubenhaut in den Wein überzugehen, was schließlich zu der sanft-rosa Färbung der Roséweine führt.

Weinmythos 3: Weinverschnitt ist gepanschter Wein

Fälschlicherweise wird häufig angenommen, dass es sich bei einem Weinverschnitt lediglich um gepanschten Wein handelt, weswegen der Verschnitt im deutschen Sprachraum häufig negativ konnotiert ist – und das vollkommen zu Unrecht, denn einen Bordeaux, Rioja oder Chianti sollte ein echter Weinfreund nun wirklich nicht von der Tischkante stoßen.

Ganz im Gegensatz zum Irrglauben, Verschnitt sei Panscherei, ist die Herstellung einer Cuvée die hohe Kunst des Kellermeisters, bei der aus der Zusammenführung unterschiedlicher Weinpartien und unter feinster Abstimmung ihrer Eigenschaften neue Weine kreiert werden, die ein viel interessanteres Geschmacksbild bieten als ihre Ursprungsprodukte – und dies gelingt nur einem wahren Kenner mit erfahrenem Gaumen.

Weinmythos 4: Wein atmet, sobald die Flasche offen ist

Wer versucht, einen frisch geöffneten Wein vor dem Trinken in der Flasche noch etwas atmen zu lassen, sollte ausreichend Geduld mitbringen, denn die Kontaktfläche zwischen Wein und Luft, an der der Wein auf den Sauerstoff reagieren kann, ist aufgrund des schmalen Flaschenhals viel zu klein. Schließlich hat es einen guten Grund, warum Rotweinkaraffen ihre flache, bauchige Form haben. Wer Wein also richtig atmen lassen will, sollte ihn karaffieren, denn in der Karaffe findet der Wein genug Raum zum Atmen und kann so seine Aromen voll entfalten. Tipp: Wer es eilig hat, kann den Wein beim Umfüllen schwenken.

Übrigens lohnt es sich auch bei so manchem Weißwein, den Wein zu karaffieren und etwas atmen zu lassen. Bei einem gehaltvollen Riesling Smaragd oder Grüner Veltliner Smaragd kommt das Aromenreichtum erst nach ein bis zwei Stunden Verschnaufpause in der Karaffe voll zur Geltung – allerdings sollte man dabei auf ein Gefäß mit eher kleinem Volumen setzen, da die Kontaktfläche zur Luft sonst zu groß ist.

Weinmythos 5: Dekantieren und karaffieren von Wein ist dasselbe

Karaffe mit Rotwein
In einer Karaffe kann Wein atmen und seine Aromen entfalten @ Rene1905/pixabay.com

Häufig werden die Begriffe „karaffieren“ und „dekantieren“ synonym verwendet – dies ist allerdings falsch. Während es das Ziel des Karaffierens ist, dem Wein durch das Umfüllen eine größere Luftkontaktfläche zu verschaffen, sodass der Wein besser atmen und seine Aromen entfalten kann, beabsichtigt man beim Dekantieren, den Wein vom angelagerten Bodensatz zu trennen. Tatsächlich sollte beim Dekantieren häufig sogar für eine möglichst geringe Weinatmung gesorgt werden, da insbesondere betagte Weine durch die Oxidation kippen können und dadurch ungenießbar werden. Also gilt als Faustregel: Je älter der Wein ist, desto weniger Luftkontakt ist nötig.

Weinmythos 6: Bier auf Wein, das lass sein, Wein auf Bier, das gönn ich dir

Obwohl dieser Spruch angesichts seines Bekanntheitsgrades ein ungeschriebenes Gesetz zu sein scheint, ist an dieser weit verbreiteten Volksweisheit nicht viel dran, denn egal in welcher Reihenfolge man Bier und Wein trinkt, am Kater ändert sich nichts – dies wurde sogar in einer Studie wissenschaftlich belegt. Vielmehr ist der Spruch als Metapher zu verstehen, denn sein Ursprung liegt vermutlich im Mittelalter und sollte so viel bedeuten wie, dass jemand, der es erstmal geschafft hat, in die weintrinkende Oberschicht aufzusteigen, es vermeiden sollte, wieder in die niedere, biertrinkende Schicht zurückzukehren.

Weinmythos 7: Beim Kochen verdampft der Alkohol sofort wieder

Der Siedepunkt von Alkohol liegt mit 78,3° C zwar deutlich niedriger als jener von Wasser, allerdings ist es ein Irrglaube, dass der Alkohol sich bereits nach ein paar Schwenkern mit der Pfanne in Luft auflöst. Wer erst kurz vor Ende noch einen Schuss Wein hinzugibt, kann noch bis zu 85 % des Alkohols durch das Essen zu sich nehmen. Nach 25 Minuten sind es immerhin noch 40 – 50 % und selbst nach zweieinhalb Stunden sind noch 4 % übrig. Angesichts des Verhältnisses zwischen Alkohol und Essbarem, handelt es sich bei den Alkoholresten zwar um geringe Mengen, kocht man jedoch für Kinder, Schwangere oder trockene Alkoholiker, sollte man aus Rücksicht dennoch auf den Weinschuss verzichten.

Weinmythos 8: Gute Weine haben Korken, keinen Schraubverschluss

Weinflaschen mit Korken
Eine Weinflasche mit Korken ist schon lange kein Qualitätsmerkmal mehr @ israelhergon/pixabay.com

Lange Zeit galt ein Schraubverschluss als Indikator für Billigwein. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. So findet man heute auch edle Tropfen, mit Preisen von über 100 Euro, die mit einem Schraubverschluss versiegelt sind. Auf den Geschmack des Weines hat der Schraubverschluss zudem, wenn überhaupt, eine positive Auswirkung – denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wein korkt, liegt hier bei nahezu Null. Vorkommen kann die korkige Note jedoch trotzdem, denn der Grund für den Korkschmecker liegt in Trichloranisol. Dabei handelt es sich um ein Stoffwechselprodukt eines von Mikroorganismen verursachten Schimmelpilzes, das bereits im Herstellungsprozess in den Wein geraten kann. Allerdings kommt dies äußerst selten vor, weswegen ein Schraubverschluss die Produktqualität eher sichert, als mindert. Darüber hinaus bringt ein Schraubverschluss ganz klar den Vorteil, dass die Flasche stehend gelagert werden kann – während dies bei Flaschen mit Korkverschluss vermieden werden sollte, da der Korken mit der Zeit sonst austrocknet und undicht wird.

Weinmythos 9: Rotwein schmeckt bei Zimmertemperatur am besten

Hierbei handelt es sich wohl um einen der hartnäckigsten Weinmythen. Einerseits hängt die ideale Trinktemperatur von der Art des Rotweins ab, andererseits ist die Zimmertemperatur in unseren Gemächern meist deutlich zu warm. Grundsätzlich gilt, dass ein Rotwein weniger als 20° C warm sein sollte. Doch während es bei einem schweren, kraftvollen Rotwein 18 bis 19° C sein dürfen, sollten die meisten Weine, wie etwa mittelkräftige Rotweine, bei Temperaturen zwischen 16 und 18° C genossen werden und junge, leichte Weine bei gar nur 14 bis 16° C. In unseren Wohnräumen herrschen solche Temperaturen jedoch nur selten, weswegen es zu empfehlen ist, den Rotwein vor dem Ausschank kurz in den Kühlschrank zu stellen, um die ideale Temperatur zu erreichen.

Weinmythos 10: Weißwein schmeckt auch direkt aus dem Kühlschrank gut

Dies trifft nur zu, falls sie einen eigenen Getränke- beziehungsweise Weinkühlschrank besitzen, der entsprechend warm eingestellt ist, denn junge, trockene Weißweine sollte man am besten bei einer Temperatur von etwa 9 bis 11°C trinken; leichte, würzige Weine wie beispielsweise Sauvignon Blanc bei etwa 10 bis 12°C und halbtrockene Weine mit Restsüße dürfen auch gerne 12 bis 14 Grad Celsius warm sein. Das heißt: der Wein sollte entweder vor dem Trinken eine Weile gekühlt werden oder falls der Wein im Kühlschrank gelagert wurde, früh genug herausgenommen werden, damit sich der Wein der perfekten Trinktemperatur annähern kann.

Weinmythos 11: Nur die Rebsorte, die auf der Flasche steht, befindet sich im Wein

Auch wenn etwa Chardonnay auf der Flasche steht, heißt das nicht, dass keine anderen Rebsorten ihren Weg in den Wein gefunden haben. Denn der Anteil der am Etikett angegebenen Sorte muss dem Gesetz nach lediglich 85 % betragen – sprich, die restlichen 15 % des Weines können von anderen Rebsorten stammen und müssen nicht explizit angeführt werden. Falls jedoch zwei oder mehr Rebsorten auf einer Flasche angeführt werden, muss der Wein ausnahmslos aus den genannten Trauben hergestellt worden sein. In diesem Falle werden die Trauben ihrem Anteil am Gesamtvolumen nach absteigend angeführt – unberücksichtigt bleiben jedoch auch hier jene Rebsorten, die gegebenenfalls für das Süßen des Weines eingesetzt wurden.

Weinmythos 12: Je älter der Wein desto besser der Geschmack

Dass Weine mit zunehmendem Alter besser und wertvoller werden, kann so pauschal nicht gesagt werden, denn rund 90 % aller jährlich produzierten Weine sind tatsächlich nicht für eine längere Lagerung im Weinkeller vorgesehen und sollten binnen ein paar weniger Jahre getrunken werden. Wie lange ein Wein gelagert werden kann, hängt etwa von der Rebsorte, den Inhaltsstoffen sowie der Machart ab.

Weißweine sind insbesondere dann lange lagerfähig, wenn sie über einen hohen Zuckeranteil verfügen. So können edelsüße Weißweine wie Auslesen und Eiswein durchaus sehr alt werden. Auch zuckerarme, aber sehr trockene Weine mit hohem Säuregehalt können lange im Keller liegen, da der niedrige PH-Wert als Katalysator für gewisse Alterungsprozesse dient.

Bei hochwertigen Rotweinen ist es tatsächlich meist der Fall, dass sie mit zunehmendem Alter besser werden, da ihre Inhaltsstoffe, wie etwa Tannine und Anthocyan, viel konzentrierter sind. Bei jungen Rotweinen belegen die Gerbstoffe die Zunge, bei Älteren verbinden sich diese und die chemische Reaktion lässt den Wein samtig über die Zunge fließen, Geschmack wird runder. Ein Bordeauxwein sollte etwa mindestens 5 Jahre lagern, kann aber auch nach 50 Jahren noch schmecken, wenn es sich um einen guten Jahrgang handelt. Am Ende ist es jedoch reine Geschmacksfrage, ob man einen gereiften Wein einem jungen vorzieht, denn das Aromabild ändert sich mit der Zeit stark.